Myanmar: Geburt im Geheimen

Myanmars gefallene Mädchen

Unverheiratet und schwanger zu sein, ist in Myanmar eine große Schande. Viele werdende Mütter sind minderjährig und haben nie gelernt, wie sie eine ungewollte Schwangerschaft verhindern können. In einem Haus können sie sich verstecken und ihre Kinder im Geheimen zur Welt bringen.

Text: Lena Hallwirth  Fotos: Simon Kupferschmied / Lena Hallwirth
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Zwischen gläsernen Fassaden und glänzenden Oberflächen wächst eine neue Generation junger Myanmarinnen heran. Voller Hoffnungen ziehen sie in die aufstrebenden Metropolen des Landes. Selbstbewusst wollen sie am Wirtschaftsboom, der das Land erfasst hat, teilhaben. Manche von ihnen schaffen es. Statt wie ihre Mütter und Großmütter in der Landwirtschaft zu arbeiten und sich um Haushalt und Kinder zu kümmern, sitzen sie hinter leuchtenden Bildschirmen in klimatisierten Neubauten.

Freundlich beraten sie ihre Kundschaft, die nach westlich inspirierter Mode, jadebesetztem Schmuck oder dem neuesten Smartphone sucht. Vor dem Gesetz sind sie und ihre männlichen Altersgenossen gleich. Als Rabbit* unerwartet schwanger wurde, lernte sie, wie sehr sich ihre Möglichkeiten in der Praxis unterscheiden.

Vor vier Jahren war die junge Frau mit den markanten Vorderzähnen, deren echter Namen nicht genannt werden soll, nach Mandalay gezogen. Stolz erzählt die heute 24-Jährige von ihrem Job als Abteilungsleiterin bei einer großen südkoreanischen Elektronikfirma. Sie verdiente ihr eigenes Geld, führte ihr eigenes Leben und traf ihre eigenen Entscheidungen. Etwa die, ihren Freund gegen den Willen ihrer Familie zu heiraten. Bald nach der Hochzeit bemerkte sie, dass sie schwanger war. Eigentlich war das junge Paar noch nicht bereit, Kinder zu bekommen. Rabbit passte sich an die neue Situation an. Ihr Ehemann nicht. Als sie im fünften Monat schwanger war, verließ er sie.

Sie wollen, dass ich so tue, als ob nichts gewesen wäre. Aber ich nehme mein Kind mit.

Rabbit, 24 Jahre

Ein Versteck für unverheiratete Schwangere

Mit der Unterstützung ihrer Familie konnte sie nach dem großen Streit um ihre Hochzeit nicht mehr rechnen, sie hatten den Kontakt abgebrochen. Beinahe wäre sie verzweifelt, erzählt die junge Frau, während sie mit den kleinen Füßchen ihrer Tochter spielt, die, eingewickelt in eine pinke Decke, neben ihr auf der Schlafmatte liegt. Eine Freundin erzählte ihr von einem Haus zwei Autostunden von Mandalay entfernt, in dem unverheiratete Frauen in Notsituationen vor und nach der Geburt Unterschlupf finden. Gemeinsam mit 17 anderen Mädchen und Frauen lebt Rabbit hier nun seit fast sieben Monaten. Sie bekommt zu essen, Hygieneprodukte und alles, was das Neugeborene braucht.

Freiwillige begleiten die Frauen zu medizinischen Untersuchungen und lassen diejenigen, die niemanden sonst haben, auch während der Geburt nicht alleine. „Normalerweise haben die Mädchen vor, das Kind zurückzulassen. Aber wenn sie es ein paar Wochen lang gestillt haben, haben sie den Mut, das Kind mit sich zu nehmen“, erzählt der Ordensmann, auf dessen private Initiative das Haus zurückgeht. So sehr tabuisiert ist das Thema, dass auch er seinen Namen nicht öffentlich nennen möchte.

SEXUALKUNDEUNTERRICHT
Laut dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen sind Komplikationen rund um Schwangerschaft und Geburt in Entwicklungsländern die Haupttodesursache von Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Umso wichtiger sei ein umfassender Sexualkundeunterricht, bei dem Kinder und Jugendliche ihrem Alter entsprechend die biologischen, emotionalen und sozialen Aspekte ihrer Sexualität kennenlernen.

Auch die katholische Kirche spricht sich dafür aus. Sexualkunde wird an Myanmars Schulen, obwohl sie im Lehrplan verankert ist, meist nicht unterrichtet. Doch private Vereine, die Aufklärungskurse anbieten, erfreuen sich immer größerer Beliebtheit.

Über 200 Babys und ihre Mütter wurden bereits in dem Haus versorgt. Bisher haben nur 16 Frauen ihre Kinder in die Obhut von Ordensfrauen gegeben, die ein nahegelegenes Waisenhaus betreiben. In ihren alten Job kann Rabbit nicht zurück und doch hat sie großes Glück. Sie hat sich mit einer ihrer beiden Schwestern, die sich seit dem Tod der Eltern um sie gekümmert haben, ausgesöhnt und zieht in Kürze mit ihrer Tochter zu ihr. Nebenbei verdiene sie mit dem Verkauf kleiner Damenhandtaschen, die sie in Handarbeit herstellt, genug Geld, um sich und ihr Baby zu versorgen. Rabbit zeigt sich optimistisch – ihre Bildung und Berufserfahrung kann ihr niemand nehmen. Viele andere Frauen haben weniger Glück.

Kein Zurück

„Wenn ein Mädchen außerhalb einer Ehe ein Kind bekommt, ist das in unserer Gesellschaft eine große Schande”, erklärt der Ordensmann. „Um ihr Gesicht zu wahren, versuchen unverheiratete Mädchen und Frauen im Geheimen abzutreiben“, erzählt er. Das ist in Myanmar verboten, dennoch finden laut Schätzungen des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen jährlich 246.000 Abtreibungen statt. „Die Mädchen gehen zu Quacksalbern, also Leuten ohne medizinisches Fachwissen. Diese drücken schwere Steine oder sehr heiße Gegenstände auf den Bauch der Schwangeren, stampfen darauf oder geben ihnen giftige Getränke“, schildert der Priester.

Viele Frauen sterben an den Folgen dieser qualvollen Prozedur. Manche Frauen treiben ab, damit ihre Familie nichts von einer Schwangerschaft erfährt. Andere werden von ihrer Familie dazu gedrängt, abzutreiben – etwa, um sexuellen Missbrauch zu vertuschen. Myat* wollte ihr Kind behalten. Es tat ihr leid, denn es konnte nichts für das, was auf dem Feld der Eltern geschah und wofür der Ordensmann, der ihre Worte übersetzen will, kaum Worte findet. Ein Erntehelfer hatte das 16-jährige Mädchen vergewaltigt.

Unter anderen Umständen hätten Myats Eltern eine schnelle Hochzeit arrangiert, sobald sie merkten, dass das Mädchen schwanger war. Doch der mehrfache Familienvater ist bereits verheiratet. Eine Lehrerin brachte Myat in das Haus nahe Mandalay. Kurz nach der Geburt besuchte ihre Mutter sie und bot ihr an, mit ihr zurückzukommen, aber nur ohne das noch namenlose Kind. „Wenn ich mein Baby nicht mit nach Hause nehmen darf, dann bleibe ich hier und arbeite“, sagt Myat. „Ich werde etwas lernen, irgendetwas, und ich werde arbeiten. Egal was passiert, ich werde für meine Tochter leben.“

ENTBINDUNGSHEIME MIT TRAURIGER VERGANGENHEIT

Bis in die 1980er Jahre wurden auch im deutschsprachigen Raum sogenannte Mütter- oder Entbindungsheime betrieben, in denen sich ledige Frauen versteckten, um eine Schwangerschaft geheim zu halten. Manche wurden von katholischen Ordensfrauen geleitet. Frauen berichteten dem Bayrischen Rundfunk und dem ZEITmagazin (zum Artikel) im Jahr 2018, dass sie dort bis zur Geburt arbeiten mussten und ihnen danach nahegelegt wurde, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Heute gibt es zahlreiche kirchliche und nichtkirchliche Einrichtungen, in denen schwangere Frauen in Notsituationen unterkommen können und mit dem Ziel beraten werden, ein selbstständiges Leben mit ihrem Kind führen zu können.

Jedes Jahr bringen schätzungsweise 50.000 Teenager wie Myat in Myanmar ein Kind zur Welt. Viele Teenager wissen nicht, wie eine Schwangerschaft zustande kommt und wie sie eine ungewollte Schwangerschaft verhindern können. Sie kennen die biologischen Hintergründe der Monatsblutung nicht und wissen nicht, wie sie sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie AIDS schützen können.

Oft ist Lehrenden das Thema peinlich und ihr eigenes Wissen darüber begrenzt. Viele Eltern befürchten, ihre Kinder könnten durch den Sexualkundeunterricht früher selbst sexuell aktiv werden. Das gesellschaftliche Tabu lässt keine neugierigen Fragen zu. Kinder werden mit dem Thema alleine gelassen und sind sexuellen Übergriffen schutzlos ausgeliefert, die sie oft weder benennen noch einordnen können. Mit den Folgen werden viele Mädchen ebenso alleine gelassen.

Meine Eltern haben mir gesagt, dass ich es abtreiben soll, aber es hat mir leidgetan.

Myat, 16 Jahre

Kindeskinder

Im Schneidersitz sitzt Thin Zan* auf einer Decke voller gelber Quietschentchen. Die Hand des Kindes ruht auf dem Bauch ihres zwei Monate alten Säuglings. Das Baby schläft. Nur die Großmutter der 13-Jährigen hielt zu ihr, als die Enkelin ihr vom Missbrauch durch den Stiefvater erzählte. „Meine Oma hatte auch Angst vor meinem Stiefvater, aber sie hat ihn angezeigt und er wurde schuldig gesprochen“, erzählt Thin Zan.

In den Augen ihrer Mutter ist es die Schuld des Mädchens, dass ihr Ehemann im Gefängnis sitzt. Sie habe ihn verführt. Noch bevor Thin Zans Schwangerschaft sichtbar wurde, brachte die Großmutter sie in das Haus für schwangere, unverheiratete Frauen. Nun mit ihrem Baby in das Dorf zurückzukehren, kommt nicht in Frage – der Skandal wäre zu groß.

Myanmar

Staatsform: Republik

Hauptstadt: Naypyidaw

Einwohner: 51 Millionen (2014)

Fläche: 676.578 km²

Währung: Kyat (MMK)

Religion: Buddhisten (87,9%), Christen (6,2%), Muslime (4,3%), andere Religionen/Atheisten (1,6%).

Seit acht Monaten lebe sie in dem Haus oder waren es sieben? Genau könne sie es nicht errechnen, schließlich sei sie noch ein Kind, sagt der Ordensmann entschuldigend. Thin Zans Zukunft ist ungewiss. Vorerst wird sie weiter in dem Haus leben. Wage erklärt der Priester, er wolle ihr eine Ausbildung ermöglichen. Auch die Zukunft des Hauses ist ungewiss. Kein Hausbesitzer will sein Eigentum dauerhaft für eine solche Einrichtung zur Verfügung stellen. „Manche verachten mich für meine Arbeit hier. Aber das ist mir egal. Wenn ein Kind geboren wird, sind das die glücklichsten Momente für mich“, erzählt Khan Mon, die seit vier Jahren auf Abruf bereit steht, falls bei einer der Frauen die Wehen einsetzen. Auch jetzt, da ihr Mann verstorben ist und sie selbst zur alleinerziehenden Mutter eines 15-Jährigen wurde, will sie sich für die Mädchen und Frauen einsetzen, die von der Gesellschaft auf so vielfältige Weise im Stich gelassen werden.

Wir fragen nicht nach ihren Geschichten, uns interessiert nur, das Baby und die Mutter zu retten.

Ordensmann, aus der Region Mandalay

Besuch vor Ort

*Für diese Reportage durften sich alle Personen, die ihre Geschichte mit unserer Missio- Redakteurin Lena Hallwirth geteilt haben, zum Schutz ihrer Identität neue Namen geben. Um ihr Geheimnis zu wahren, zeigen wir auch ihre Gesichter nicht.